Rede zum Volkstrauertag - Ein Aufruf für neue Formen der Erinnerung in unserem Dorf

19.11.2025


Liebe Staudter,

Sehr geehrte Gäste,

wir stehen heute hier - auf unserem Friedhof, als dem zentralen Ort der Erinnerung und des Gedenkens in unserer Gemeinde!

Für fast alle Anwesenden hier ist dies ein Platz, an dem wir trauern und uns immer wieder unserer Angehörigen erinnern. Für viele unter uns ist es aber auch ein Ort, an dem sie mit anderen Menschen ins Gespräch und den Austausch kommen.

Heute sind wir hier anlässlich des diesjährigen Volkstrauertages zusammengekommen!

Die Entstehungsgeschichte des Volkstrauertages beginnt in Deutschland nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Spätestens in der Zeit der nationalsozialistischen Terrorherrschaft wurde der Tag dann als „Heldengedenktag“ missbraucht. Seine heutige Bedeutung hat sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges entwickelt. Diese Entwicklung in der Bundesrepublik lässt sich dabei wie folgt beschreiben: „Neben dem Gedenken für die gefallenen Soldaten der Weltkriege rückten in den fünfziger Jahren immer mehr die Opfer des Nationalsozialismus in den Mittelpunkt des Gedenkens anlässlich des Volktrauertages Schließlich spielten aktuelle Bezüge vermehrt eine Rolle. Der offizielle Festakt der Bundesregierung im Jahre 1987 gedachte erstmals ganz allgemein der Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft und Terrorismus. Inzwischen wird am Volkstrauertag ebenfalls der bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr gefallenen deutschen Soldaten gedacht.“

Die Schleifen an dem heute niederzulegenden Kranz tragen die Worte in „Erinnerung und Mahnung“. Uneingeschränkt stehe ich dafür ein, dass wir diese beiden Aufgaben in unserer Gesellschaft und auch in unserer Dorfgemeinschaft pflegen und lebendig halten müssen.

Es gilt sich unserer Geschichte und der daraus fortwährenden Verantwortung für ein friedliches, die Menschenwürde uneingeschränkt schützendes und respektvolles Miteinander bewusst zu sein. Insbesondere sollten wir uns hierbei auch einen wohlwollenden Blick auf die Menschen, die eines besonderen Schutzes bedürfen, bewahren.

Diese Verantwortung können wir hier bei uns in Staudt auch nachkommen, wenn wir den Volkstrauertag wieder als Teil unserer Kultur in die Breite des Dorfes zurückbringen.

Denn wenn wir ehrlich sind, haben viele, nicht nur junge Menschen, keine direkte Verbindung mehr zu diesem Tag. Viele wissen auch nicht, warum wir ihn begehen. Mit dieser Aussage verbinde ich keine Schuldzuweisung - sondern unsere gemeinsame Aufgabe diesen Tag neu mit Leben zu füllen. Dabei sollten wir uns die Frage stellen wie wir neue Formen der Erinnerung und Mahnung entwickeln können, die insbesondere auch die jungen Menschen und die kommenden Generationen erreichen kann.

Aus meiner Sicht braucht es hierzu Erinnerung und Nähe! Es braucht Menschen, die erzählen – Orte, die berühren und Formen, die verbinden.

Vielleicht erreichen wir diese Nähe dadurch, dass wir die Erinnerung und die Geschichten der Menschen greifbarer machen. Wer kennt die Biografien, der hier auf unserem Friedhof, auf den Gedenktafeln aufgeführten Staudter?

Gleichfalls können wir uns aber auch fragen, wer die Geschichten und Lebenswege der Menschen kennt, die aktuell als geflüchtete Menschen, Asylbewerber oder Kriegsflüchtlinge in unserer Gemeinde ein Stück Heimat gefunden haben.

Die Geschichten dieser Toten und Lebenden könnten uns helfen, die Worte „Erinnerung und Mahnung“ zu verstehen und lebendig werden zu lassen!

Der Ortsgemeinderat hat unlängst über die Zukunft und mögliche Gestaltungsformen für Veranstaltungen anlässlich des Volkstrauertages gesprochen. Die Zeit bis zum November 2026 wollen wir nutzen, um uns gemeinsam mit den Bürgerinnen und Bürgern einer Veranstaltung anlässlich dieses Tages zu vergewissern und diese für die Aufgabe für die Zukunft weiterzuentwickeln. Ich möchte Euch einladen, im Sinne unserer gemeinsamen Aufgabe zur „Erinnerung und Mahnung“ an der Weiterentwicklung des Volktrauertages mitzuwirken.

Ich bin überzeugt: Gerade auch in Staudt haben wir die Chance, Erinnerung und auch Mahnung nicht nur zu bewahren, sondern sie gemeinsam zu gestalten. Persönlich, lebendig und verständlich.

Wenn wir das tun - dann ist der Volkstrauertag nicht nur ein Blick zurück, sondern auch ein Schritt in eine gemeinsam verantwortete Zukunft.

Ich danke Euch allen - für Euer Kommen, für Euer Mitdenken und für Euren Mut, neue Wege der Erinnerung mitzugehen.

Sven Normann

Zum Anbieter: